Das Torwart- und Fußballportal
  TORWART.DE ONLINE-SHOP Torwarthandschuhe von adidas, Reusch, Uhlsport, NIKE, Puma, Jako, Derbystar, Sells, Selsport, McDavid, Under Armour, HO Soccer, Lotto!
torwart.de-Shop:Torwarthandschuhe, Torwartausrüstung
torwart.de-Shop:Torwarthandschuhe, Torwartausrüstung
 




Home > Magazin > Hall of Fame > Wolfgang Kleff Interview

„Na, du kleiner Scheißer?“

Wolfgang Kleff wird 70

von Alex Raack (11/2016)


Wolfgang Kleff (Foto: firo)

Wolfgang Kleff war der Freigeist der Bundesliga. Mit Borussia Mönchengladbach erlebte er die großen 70er-Jahre, wurde Welt- und Europameister. Ein Gespräch über afrikanische Blumenfarmen, Herzschrittmacher und ein selbst bestimmtes Leben.

torwart.de: Wolfgang Kleff, was haben Sie gedacht, als Sie heute morgen in den Spiegel schauten?

Wolfgang Kleff: Ich sagte das, was ich meinem eigenen Ich eigentlich jeden Morgen sage: „Na, du kleiner Scheißer? Schön, dass es dich immer noch gibt, alter Junge!“

torwart.de: Wie fühlt man sich mit 70?

Wolfgang Kleff: Körperlich wie ein alter Mann. Ich habe zwei Herz-OPs hinter mir, einen Herzschrittmacher und wäre vor Jahren fast gestorben, wenn mir fähige Ärzte nicht Wasser aus der Lunge gesaugt hätten. Meine Pumpe hat zwischenzeitlich nur noch 20 Prozent Leistung gebracht, gegenwärtig sind es wohl so um die 60 Prozent. Aber in meinem Kopf bin ich ein kleiner Junge. Schon immer gewesen, werde ich immer bleiben.

torwart.de: Sie galten zu aktiven Zeiten als hervorragender Torhüter, vor allem aber als Ein-Mann-Unterhaltungsshow. Was war das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Wolfgang Kleff: Als Keeper war ich ein Ass, ausgestattet mit Reflexen, die so damals niemand drauf hatte. Von der Persönlichkeit her waren mir immer zwei Dinge wichtig: dass ich Spaß habe und mich nie verbiegen lasse. Wenn die Zuschauer gesungen haben „Otto ist nervös!“, dann habe ich mich neben den Pfosten gestellt und am ganzen Körper angefangen zu zittern. Oder den Fans einen Witz erzählt. Egal, wo wir mit Mönchengladbach hinkamen, die Leute mochten mich. Aber ich kann auch sehr direkt sein, wenn mir was nicht passt, sage ich es. Allerdings immer mit einem Augenzwinkern. Ein Kumpel hat das mal vor einigen Jahren auf den Punkt gebracht: „Wolfgang, du sprichst aus, was Gott verboten hat. Aber das tust du so charmant, dass dir niemand böse sein kann.“

torwart.de: Was können Sie überhaupt nicht leiden?

Wolfgang Kleff: Über andere Menschen zu sprechen und zu urteilen, ohne wirklich etwas über sie zu wissen. Das hasse ich.

torwart.de: Dann müssen Sie das Fußball-Business ja verabscheut haben.

Wolfgang Kleff: Warum?

Infos zu Wolfgang Kleff:
  • Nationalität: deutsch
  • Geburtstag: 16.11.1946
  • Geburtsort: Schwerte
  • Größe (cm): 180
  • Vereine: VfL Schwerte (65-68), Borussia Mönchengladbach (68-79 und 80-82), Hertha BSC (79-80), Fortuna Düsseldorf (82-84), Rot-Weiß Oberhausen (84-85), VfL Bochum (85-86), FSV Salmrohr (86-87), SV Straelen (87-92)
  • Erfolge: 5 x Deutscher Meister, 1 x Deutscher Pokalsieger, 1 x UEFA-Pokalsieger
  • Besonderheit: Mache mit 61 Jahren noch ein Spiel für den Landesligisten FC Rheinbach

torwart.de: Weil dort insbesondere die Medien häufig Dinge veröffentlichen oder Urteile fällen, ohne wirklich Ahnung zu haben.

Wolfgang Kleff: Wissen Sie, das Leben besteht daraus, zu akzeptieren. Ob die Tatsache, dass ich ein alter Mann geworden bin, oder dass die Presse manchmal Unwahrheiten verbreitet, um die Seiten zu füllen. Das hat mich nicht weiter tangiert. Und über mich sind viele Falschmeldungen im Umlauf.

torwart.de: Wollen wir mir ein paar Legenden aufräumen?

Wolfgang Kleff: Bitte.

torwart.de: Nach Niederlagen soll Ihre damalige Frau Sie damit aufgeheitert haben, indem sie Ihnen auf der hauseigenen Hammond-Orgel das „Ave Maria“ vorgespielt hat.

Wolfgang Kleff: (Lacht.) Erstens: meine Ex konnte gar nicht Orgel spielen, genau wie ich. Wir haben manchmal das Rhythmus-Gerät angestellt, das war alles. Zweitens: ich kann das „Ave Maria“ nicht leiden.

torwart.de: Von Ihren Reisen mit der Borussia und der Nationalmannschaft quer durch Europa und die Welt sollen Sie jedes Mal eine Stoffpuppe als Souvenir mitgebracht haben.

Wolfgang Kleff: Stoffpuppen? Was ich tatsächlich gemacht habe, war, meinen Eltern auf jeder meiner Reisen eine Postkarte zu schicken, um später nach meiner Karriere eine schöne Erinnerung an die ganzen Erlebnisse zu haben. Die Dinger liegen fein säuberlich gestapelt in meinem Keller.

Wolfgang Kleff (Foto: firo)

torwart.de: Jetzt kommt der vielleicht größte Unfug: 1984 sollen Sie Ihre Karriere deshalb vorzeitig beendet haben, weil Sie auf einer Blumenfarm in der Elfenbeinküste anfangen wollten.

Wolfgang Kleff: Das stimmt! Ein guter Freund hatte Anteile an dieser Farm und bot mir ein hübsches Frührentner-Dasein an: drei Monate Afrika, drei Monate Deutschland, drei Monate Afrika und so weiter. Ich erzählte allen Journalisten davon, die waren ganz heiß auf die Geschichte. Ich spielte damals bei Fortuna Düsseldorf und dachte mir, wenn ich schon meine Laufbahn beende, dann so, wie ich es möchte. Vor dem letzten Heimspiel der Saison bat ich die Vereinsführung, das man mich eine Viertelstunde vor Schluss auswechseln würde. Den ganz großen Abschied hatte ich mir meiner Meinung nach verdient. Doch die lehnte das ab. In der 73. Minute zog ich mir dann leider Gottes bei einem Abstoß einen Zerrung zu und musste raus. Die Düsseldorfer Fans forderten mich auf, gefälligst ein paar Abschiedsgeschenke da zu lassen. Also schmiss ich nach und nach meine Klamotten ins Publikum, als die auch noch meine Hose forderten, zeigte ich Ihnen aus Spaß den blanken Hintern. In der Zeitung stand am nächsten Tag unter dem Foto: „Hier zeigt Wolfgang Kleff, was er von der Fortuna-Vereinsführung hält.“ Stimmte zwar nicht, aber mir war das Wurst.

torwart.de: Sie hatten sich ja ab sofort um Flamengoblumen zu kümmern.

Wolfgang Kleff: Richtig. Dumm nur, dass die Farm kurz darauf verkauft wurde, ich hatte nicht einen Cent damit verdient. Also hing ich noch ein paar Jahre in Oberhausen, Bochum und Salmrohr dran.

torwart.de: Der fünffache Deutsche Meister, Uefa-Cup-Sieger, Welt- und Europameister Wolfgang Kleff beim FSV Salmrohr? Wie schnell bereuten Sie die Entscheidung?

Wolfgang Kleff: Gar nicht. Habe ich nie gemacht. Das war ein 900-Seelen-Kaff und wir spielten in der 2. Bundesliga, das war doch toll. Dreimal in der Woche trainierten wir auf Asche, ich wohnte ein Jahr lang in einem Hotel und freute mich als frisch gebackener Junggeselle, dass immer das Bett gemacht wurde. Eine schöne Zeit.

torwart.de: Sie waren offensichtlich kein gewöhnlicher Profi.

Wolfgang Kleff: Vermutlich nicht. Ich habe immer das gemacht, was ich wollte, war und bin extrem freiheitsliebend. Damit bin ich zwar schon das ein oder andere Mal auf die Klappe gefallen, aber das gehört dazu.

torwart.de: Was meinen Sie?

Wolfgang Kleff: Nach dem Ende meiner Laufbahn versäumte ich es, mich arbeitslos zu melden und bekam viele Jahre nicht das Geld, was mir eigentlich zustand. Weil mir die Kohle ziemlich egal war und ich dachte, mich schon irgendwie durchzuschlagen. In Kombination mit der Tatsache, dass ich außerdem zehn Jahre nicht krankenversichert war, wurde das irgendwann zum Problem. Spätestens dann, als mein Herz nicht mehr so wollte und mich die Kosten ziemlich rasierten. Aber ich will mich nicht beklagen. Einen 500er-Mercedes werde ich mir wohl nicht mehr leisten können, aber den hätte ich eh nicht gefahren.

torwart.de: Sind Sie glücklich?

Wolfgang Kleff: Ja. Ich hatte eine fantastische Karriere, habe die großen Zeiten der Borussia miterlebt, die Menschen erinnern sich an mich und mögen mich. Als Fußballer scheine ich also viele Dinge richtig gemacht zu haben. Noch ein viel größeres Geschenk sind meine beiden Kinder und die Erkenntnis, dass ich mich freue, wenn ich morgens in den Spiegel schaue. Da zwinkert mir der alte Junge dann zu und auf geht es in den nächsten Tag.


© 1999-2017 torwart.de - Impressum
TIP A FRIEND _Seite empfehlen SITEMAP TORWART.DE _Sitemap _Druckansicht _oben